72 Atelier FS21 – HSLU Drittjahreskurs aktuell, lehre

Nähe und Distanz - Semester-Aufgabe


Nähe und Distanz interessieren uns auf drei Ebenen. Erstens aus programmatischer Sicht: Wir wollen uns einer Raumgestalt widmen, die Nähe und Distanz als zentrale Entwurfsparameter versteht und den Grad an Öffentlichkeit respektive an Privatsphäre bewusst und sorgfältig ausformuliert. Zweitens als These für eine integrative Arbeitsmethode: Wir wollen die Dinge die wir entwerfen, sowohl in grosser Flughöhe wie auch von ganz nah betrachten. Wir wollen den Bedeutungen und Assoziationen denselben Wert beimessen wie der ganz konkreten Machart und der Materialität der Räume. Drittens konfrontiert uns die Dichotomie aus Nähe und Distanz mit einer ganz grundlegenden gegenwärtigen Frage: Wir wollen beides jederzeit und am gleichen Ort; es gibt kein eindeutiges Richtig und Falsch; jede Entwurfsentscheidung zu Gunsten einer Qualität, hat teils konträre und unerwünschte Nebenfolgen. Ein Wechselspiel an Bedürfnissen und Prioritäten, das Möglichkeiten eröffnet und stetes Aushandeln erfordert.


Vor der Industrialisierung wurde die Gestalt von Profanbauten hauptsächlich über das Handwerk, über die örtlich und zeitlich verfügbaren Ressourcen und Techniken, definiert. Mit der Moderne und der damit einhergehenden Normierung vieler Bauteile, wurde das Bauen industrieller und effizienter. Auf der Baustelle gefertigte Dinge konnten dank Neufert (und verwandten Normierungsmanifesten) mit weitaus weniger Know-How angeboten werden. Aufkommende Fertigteile wie Fenster, Systemküchen oder Fassadenelemente nahmen tiefschürfenden Einfluss auf unsere Planungsrealität. Die bewährte Logik des Machens wurde von der Expertise des Auswählens abgelöst.


Dies ist deshalb wichtig für uns, da wir Architekt*Innen uns heute in einer paradoxen Situation wiederfinden. Die Normierungen und Optimierungen der Fertigungsprozesse haben zu einer unglaublich professionalisierten Baubranche geführt. Die Performance aller Bauteile wird verglichen und bewertet. Die Wahlkriterien gestaltungsrelevanter Dinge werden (zu Gunsten einer bloss vermeintlichen Objektivierbarkeit) in Kennwerte übersetzt und vereinfacht. Dabei gibt es in unserer spätmodernen Gesellschaft aber auch einen unersättlichen Bedarf an Singularitäten. Nicht das Gewöhnliche ist gefragt, sondern das Neue, das Massgeschneiderte und das Individuelle.


Und genau deshalb ist es wichtig, den Dingen die wir gestalten auf den Grund zu gehen. Im Spannungsfeld dieser gegenläufigen Kräfte, droht sich der Ausdruck vieler Architekturen, wie ein Abziehbild von ihrem effizienten, rational bestimmten Gerüst zu lösen. Dabei gab es schon immer – ob in der vorindustriellen Logik des Handwerks oder im rationalisierenden Geiste der Moderne – ein schwer fassbares Etwas, welches die Architektur vom blossen Bauen abhob. Dabei geht es um körperliche und atmosphärische Raum-
erfahrungen, dem Gebauten eingeschriebene Lebensvorstellungen, kulturelle Werte und vieles mehr.

Im FS21 führt Stefan Wülser ein interdisziplinäres Atelier zusammen mit Carmen Gasser Derungs. Die Durchführung des Ateliers ist Teil des Drittjahreskurses, unter der Leitung von Stefan Wülser & Pascale Bellorini