45 Interview Archithese Swiss Performance 2018 text

Reichtum durch «Darüberbauen»
Mathieu Wellner und Elias Baumgarten im Gespräch mit Stefan Wülser und Nicolaj Bechtel über den Umbau eines Wohnhauses in Windisch. Wie lässt sich ein Siedlungshaus aus den 1930er-Jahren mit zwei kleinen Geschosswohnungen und Mansarde in ein zeitgemässes Wohnhaus für eine junge Familie verwandeln? Diese Frage galt es für Stefan Wülser und Nicolaj Bechtel in Windisch zu beantworten. Von aussen ist ihr Umbau nur durch zwei aufgesetzte kupfern glänzende Lukarnen, sowie einige veränderte Fensteröffnungen erkennbar. Innen jedoch entfernten sie kompromisslos alte Bauteile, fügten hinzu und schufen ein neues Raumkonzept. Laissez-faire und Liebe zum Detail, handwerkliche Finesse und eine Faszination für das Raue kontrastieren in dieser Bricolage. Doch zugleich kommen sie mit einer charmanten Selbstverständlichkeit zusammen.


Link zum Projekt


Elias Baumgarten: In archithese 3.2017 haben wir uns mit Collagen und Bricolagen beschäftigt. Es schien damals als habe man eher in Flandern Freude an letzteren – weniger in der Schweiz. Doch euer Umbau in Windisch wirkt rau und gebastelt. Zugleich werden Alt und Neu aber durch weisse Farbe an Wänden und Decken zusammengehalten…


Stefan Wülser: Sie treffen sich auf Augenhöhe. Es gibt keine Hierarchie oder Angleichung. Alle Transformationen können unmittelbar abgelesen werden. Nichts wurde versteckt oder rekonstruiert. Wo Bauteile weichen mussten durchziehen nun «Narben» das Haus.


Nicolaj Bechtel: Die weisse Farbe dient insofern nicht der Kaschierung von Unterschieden zwischen Alt, Neu oder Bruchstelle, sondern sie verstärkt deren Wirkung, aber in einem gleichwertigen Nebeneinander.


Mathieu Wellner: Wie kam es überhaupt zu dem Projekt und wie sieht das Haus heute aus?


Nicolaj Bechtel: Meine Schwester und mein Schwager haben uns 2015 mit der Gestaltung beauftragt. Nach langer Suche hatten sie ein Objekt aus den 1930er-Jahren gefunden, das nicht unter Denkmalschutz steht. Sie wollten es zum Wohnhaus ihrer vierköpfigen Familie umgestalten. Es hat einen annähernd quadratischen Fussabdruck. Nordseitig gibt es einen kleinen Erker, durch den man das Haus betritt und der auch das Treppenhaus aufnimmt. Auf der Südseite führt heute eine breite Stiege mit Podest hinunter in den Garten und schafft so neu einen direkten Bezug vom Wohnraum zum Garten. Darüber befindet sich ein kleiner Balkon. Bei einer gemeinsamen Besichtigung – damals gab es noch zwei kleinere, deckungsgleiche Geschosswohnungen im Haus – überzeugten wir uns vom architektonischen Potenzial des Objekts. Anschliessend kauften es die beiden und wir machten uns an die Planung. Zunächst wurde ein grösstmögliches Feld architektonischer Strategien abgesteckt, auch ein Abriss wurde zwar nicht a priori ausgeschlossen, jedoch aufgrund der Qualität des Bestandes und seines architektonischen Potentials sowie auch aus finanziellen Gründen rasch wieder verworfen. Ihre Vorgaben für den Umbau waren recht vage: Der Esstisch sollte zum Zentrum des Familienlebens werden und aus den zwei einzelnen Wohnungen und dem Dachgeschoss sollte ein neues Ganzes werden. Darin wünschten sich die Eltern ein eigenes Reich im Dachgeschoss. Die Kinder sollten im ersten Stock untergebracht werden.


SW: Wir haben einen zweigeschossigen Essbereich geschaffen, welcher der Dreh- und Angelpunkt des Hauses ist. Dafür wurde ein Teil der alten Balkendecke herausgeschnitten. Wir haben zwei Öffnungen deutlich vergrössert und im Gegenzug einige bestehende verkleinert und eine sogar zugemauert um die spezifischen Grade an Offenheit der Räume zu kontrollieren. Indem wir den verwendeten Backstein sichtbar gelassen haben, sind diese Änderungen durch den Kontrast zur glatt verputzen Fassade deutlich ablesbar.


EB: Und noch an weiteren Stellen habt ihr in die Raumstruktur eingegriffen…


SW: Im Erdgeschoss gab es viele kleine Räume. Diese wurden mittels verschiedener, grosser Durchbrüche zu einem türenlosen Raumkontinuum zusammengeschaltet. Um dies statisch zu ermöglichen, haben wir eine sichtbare Abfangstruktur aus schwarzen, walzrohen Stahlträgern eingestellt. So war es plötzlich möglich, über der bestehenden Raumstruktur neue Öffnungen fein auszutarieren. Anders als im Erdgeschoss wurden im ersten Stock nur zwei kleine Wandsegmente herausgebrochen und eine Öffnung ausgeschnitten, durch die man vom Badezimmer in den zweigeschossigen Essbereich blicken kann. Auch von der durch den Deckenabbruch entstandenen, neuen Galerie kann man dorthin sehen. Es geht darum möglichst vielfältige Blickbeziehungen zu schaffen.


NB: Das Dachgeschoss haben wir ausgebaut. Vieles ist dort neu. Es spricht daher eine andere Sprache als die beiden Stockwerke darunter und ist sozusagen der «andere Raum» im Haus. Statt weisser Wände gibt es helle Holzverkleidungen und die alte Dachkonstruktion wurde teils freigespielt. An zwei Stellen haben wir das Dach geöffnet und grosse Lukarnen aufgesetzt: Die nördliche bringt Zenitallicht ins den Ankunftsraum im Dachgeschoss und schafft so im obersten Bereich der dreigeschossigen Erschliessungsraumfigur eine intime, introvertierte Atmosphäre. Die südliche Lukarne dagegen gibt vom Elternschlafzimmer, durch die freigelegten Dachsparren einen grosszügigen Blick in die Landschaft frei und gewährt so am Endpunkt der Raumabfolge im Dachgeschoss einen Bezug zur Aussenwelt.


MW: Nach welchen Kriterien habt ihr entschieden, was abgebrochen werden soll?


NB: Zunächst einmal haben wir versucht nicht zu sentimental oder nostalgisch zu sein. Unser Ziel war, nicht unreflektiert am „schönen Bestand“ festzuhalten, sondern diesem mit Respekt und Wertschätzung aber gleichzeitig ohne Berührungsängste und mit Mut zur Transformation zu begegnen. Die Idee ein Raumkontinuum mit klarem Zentrum und vielfältigen räumlichen Bezügen zu schaffen, stand wie bereits erwähnt im Zentrum. Also haben wir präzise aber rigoros weggenommen, was dem im Weg stand. Der Rest blieb ebenso kompromisslos erhalten und wurde nicht angefasst. Es wurde nichts vereinheitlicht oder versteckt. An diesen Stellen haben wir den Bestand in all seinen Stärken aber auch Banalitäten belassen. So haben wir etwa alle alten Böden erhalten und lediglich Nahtstellen, die durch die Entfernung von Wänden entstanden, sowie Schäden – besonders in Küche und Badezimmer – mit Zement ausgefüllt. Keine Oberfläche wurde erneuert oder saniert. Die ursprünglichen Materialien leisten in ihrer Robustheit und mit Ihrer Patina einen wichtigen Beitrag zur Identität des Hauses. In diesem Sinne schützen und respektieren wir den Bestand – auch, wenn einige der Massnahmen zunächst brutal erscheinen mögen.


SW: Altes, Neues und die Spuren des Transformationsprozesses betrachten wir als drei absolut gleichwertige Teile des Ganzen. Ich würde unser Vorgehen in diesem Sinne als ein «Darüberbauen» bezeichnen.


MW: Dabei sind sichtbare «Narben» im Haus entstanden. Das lässt den Umbau rau und gebastelt wirken.


NB: Wo Wände herausgebrochen oder ein Teil der Decke entfernt wurde, ist dies unmittelbar sichtbar: Die leeren Auflager der Deckenbalken liegen frei und man kann die früher verborgenen Backsteine des Mauerwerks sehen. Für dieses Vorgehen haben wir uns erst im Prozess entschieden. Zunächst waren wir nicht sicher, ob das überall im Haus so sein kann und sein muss. Was rau wirkt, ist aber doch mit Sorgfalt geschehen. Wir haben die Handwerker gebeten, beim Abbruch möglichst gerade Kanten zu erzeugen. Es geht uns weniger um «Narben» an sich, denn um erkennbare Schnitte. Zugegeben waren wir unsicher, ob die Bauherrschaft diese Radikalität erträgt. Sie musste in diese Idee erst hineinwachsen. Doch das ging schnell.


MW: Trotzdem habt ihr Wände und Decken weiss streichen lassen. Wieso dieser White Wash? Konsequenter wäre es gewesen, auch deren Oberflächen zu erhalten – mit ihren alten Tapeten und verschiedenfarbigen Holzverkleidungen.


NB: Darüber haben wir sehr lange und kontrovers diskutiert. Erst im Laufe des Bauprozesses haben wir uns dafür entschieden. Die Wände waren bereits weiss, doch die Schnittkanten stachen optisch stark hervor. Der geschnittene Backstein etwa sprang mit seinem kräftigen Rotton sofort ins Auge. Man fokussierte unweigerlich auf diese Stellen, was die Wirkung des Raumes und seiner Oberflächenvielfalt als Ganzes schwächte. Durch den weissen Anstrich wollten wir die Situation beruhigen und Wände und Decken zusammenbinden – ohne zu kaschieren.


SW: Durch das White Washing wurden feine Details wichtig. Plötzlich war eine neue Feinkörnigkeit vorhanden und die unterschiedlichen Materialoberflächen wurden sichtbar: Gestrichenes Holz wirkt anders als gestrichener Gips. Beide unterscheiden sich wiederum deutlich von angemaltem Backstein. Überraschenderweise verstärkt die weisse Farbe den Charakter der verschiedenen Materialien auf subtile Art und Weise. Der Fokus verschiebt sich von den Farbkontrasten zu den feinen Texturen des Hauses.


EB: Obwohl ihr durch die weisse Farbe ein verbindendes Element eingeführt habt, erinnert mich euer Projekt an die Radikalität aktueller Arbeiten flämischer Architekten. In der Schweiz hatten bislang nur wenige Architekten Freude an Bricolagen. Mir kommt de vyler vinck taillieu Haus Rot-Ellen-Berg (2011) in Braives in den Sinn: Eine alte Dorfgaststätte wurde in ein Wohnhaus umgebaut. Die Strassenfassade blieb nahezu unberührt – nur eine neue Dachhaut kam hinzu. Im Innern wurde hingegen radikal umgebaut. Die Massnahmen sind sehr rough. So bilden Schalungstische auf den zugehörigen Teleskopstützen den neuen Boden des ersten Obergeschosses. Die Etagen sind mit Leitern verbunden; Elemente aus dem Gewächshausbau trennen die Zimmer. Wo aber der Bestand erhalten blieb, wurde er nicht angefasst. Ich vermute, ihr schöpft aus solchen Gestaltungen Inspiration. Seht ihr euch selbst an der Schnittstelle zwischen in- und ausländischen Diskursen, die ihr zu einer neuen Synthese zusammenführt?


NB: Natürlich schauen wir sowohl über die Landesgrenzen hinaus wie auch in der Zeit zurück, wobei uns stets die spezifische, im jeweiligen Kontext verankerte Lösung interessiert. So sind uns beispielsweise auch Smithsons „Überstülpen“ und „Einflechten“ des Upper Lawn Pavilion, Caruso St Johns „Einbau“ des Studio House in ein altes Lagerhaus in North London, Zumthors „Weiterbauen“ am Haus Gugalun oder Hans Döllgasts „kritische Rekonstruktion“ der Alten Pinakothek in München wichtige Referenzen. Bestimmte formale Eigenschaften sind beim Entwerfen also grundsätzlich nicht Ziel, sondern das Resultat eines Prozesses, im Dialog mit Bestand und Kontext in all seinen Bedeutungsfacetten und als solches lediglich Mittel zur Schaffung atmosphärischer Dichte und assoziativer Ambiguität.


SW: Uns interessiert generell ein vielfältiger Diskurs. Dabei spielt es für uns keine Rolle ob dieser durch internationale oder durch lokale Architektur geprägt ist, sondern vor allem wie sich dieser zur Gesellschaft und zu heute relevanten, übergeordneten Themen verhält. Wir suchen Konzepte welche Stellung beziehen und starke Empfindungen auslösen ohne dabei aber aufdringlich oder laut zu sein. Architektur quasi wider dem «lauen Behagen» , welches den wirklich starken Eindrücken den Platz streitig macht. Natürlich schätzen wir den durch die aktuelle, flämische Architektur befeuerten Diskurs. Am genannten Haus Rot-Ellen-Berg fasziniert die unglaubliche Direktheit des transformativen Eingriffs. Wir könnten aber an dieser Stelle auch über schweizer Neubauten sprechen. Zum Beispiel Peter Märklis frühe Häuser in Trübbach welche mit ebensolcher Direktheit starke, charakteristische Räume schafft und diese dann mit gestalterischer Sensibilität wieder zusammenhält. Uns geht es also weniger um die Schnittstelle zwischen in- und ausländischem Diskurs denn um die Schnittstelle zwischen Rohem und Gestalteten.


MW: Ihr baut auf einen Mix aus teuren und preiswerten Materialen: Bauteile aus edlem Holz, die handwerklich sehr präzise ausgearbeitet wurden – etwa die neuen Fenster –, wechseln ab mit solchen aus Sperrholz.


SW: Dieses Nebeneinander ist uns wichtig. Es geht uns dabei weniger um teuer und preiswert sondern eher um präzise Ausformuliertes und Alltägliches. Die minimalistischen Specific Objects von Donald Judd z.B. entfalten eine starke Wirkung auf den Raum und prägen ihn entscheidend. Entsprechend haben wir einzelne Objekte vom Rest des Hauses losgelöst. Während wir also bei vielen Schnittkanten einfach abgewartet haben, was passiert und wie sie sich auswirken, haben wir die neuen Fenster im Wohn- und Essbereich mit viel Liebe zum Detail gestaltet und mit handwerklicher Finesse ausführen lassen. Statt Fertigteile zu verwenden, haben wir sie aus Holz und einigen Metallprofilen konstruiert.


NB: Das ist Haltung und Notwendigkeit zugleich: Notwendigkeit, weil das Budget klein war. Wir mussten unseren ersten Entwurf redimensionieren und fokussieren, was dazu führte, dass wir hochwertige Oberflächen nur sehr zurückhaltend, dafür aber sehr gezielt einsetzten. Haltung, weil wir nach Materialen suchen, die haptischen Eindrücke vermitteln, welche zum Haus passen. Es sollten keine high-end Oberflächen sein, sondern «echte» und damit atmosphärische Baustoffe.


SW: Wenn du explizit nach der Verwendung von Holz und Sperrholz fragst: Wir haben diese Materialien nach einer klaren Hierarchie eingesetzt: Hochwertige Hölzer wurden nur dort verbaut, wo sie häufig direkt berührt werden – beispielswiese im Fall der Fensterbänke. Im Dachgeschoss kann man sich an diese schmiegen und darauf tatsächlich sitzen. Hingegen sind Schränke und Regale, an die niedrigere haptische Anforderungen gestellt werden, preiswert materialisiert. Dies geschah nicht aus rein funktionalen Überlegungen sondern weil das Einfache die Wirkung des Ganzen stärkt.


MW: Lasst mich noch einmal anders herum fragen: Ihr hättet das Haus auch sorgfältig sanieren und es den Bewohner überlasse können mit den Möbeln eine materielle Roughness einzubringen.


SW: Wir wollten die DNA des Bestandes herausarbeiten. Damit meinen wir eben alles andere, als eine Rekonstruktion des Zustandes der 1930er-Jahre. Unsere räumlichen Eingriffe sind zwar radikal, doch machen sie das ursprüngliche Bauwerk, seine Struktur und Materialität letztlich sichtbarer, als es eine behutsame Rekonstruktion könnte. Uns interessieren die Veränderungen, welche sich über die Zeit in das Bauwerk eingeschrieben haben.


MW: Wer heute Architektur studiert, wird später viel häufiger im Bestand bauen, als Neubauten zu planen. Wie wurdet ihr im Studium auf diese Aufgabe vorbereitet? Habt ihr Tipps für Nachwuchsarchitekten?


NB: In meinem Studium an der Accademia in Mendrisio während der frühen 2000er-Jahre wurde das Thema eher stiefmütterlich behandelt, wenngleich natürlich auch Neubauten immer als Bauen im Bestand verstanden wurden, die Einordnung ist lediglich eine Frage des Betrachtungsperimeters. Doch in den Architekturbüros, für die ich während und nach dem Studium gearbeitet habe – wie etwa Sergison Bates, von Ballmoos Krucker, Frei + Saarinen oder Althaus Architekten – wurde sehr viel im Bestand im engeren Sinne geplant. Zu dieser Zeit hatte ich viel mit Denkmalpflegern zu tun und habe gelernt, dass diese grundsätzlich keine Gegner, sondern Partner sind – wenn die Gestaltungen sitzen und man den richtigen Ton anschlägt. Für uns bedeutet Denkmalpflege nicht Nostalgie oder Rekonstruktion, sondern zu belassen und weiterzunutzen, was stark ist und den Bestand so zu würdigen und zu schützen.


SW: Die Gleichmacherei von Neu und Alt, die lange Zeit Usus war, interessiert uns nicht. Daher schauen wir für unsere Recherchen häufig Umbauten an, die ohne Architekten passiert sind. Das Improvisierte oder Temporäre hat oft eine Ausdruckskraft, welche das Kontrollierte schwer erreichen kann.

Autoren: Mathieu Wellner, Elias Baumgarten
Fotografische Interpretation des Hauses: Quentin Lacombe