Das Arbeiterhaus in der Gustavstraße wurde 1911 erbaut und umfasste drei Stockwerke mit Wohnungen sowie mehrere Dachzimmer. Nachdem es im letzten Jahrhundert als „Stadtvilla“ mit zwölf Zimmern genutzt worden war, haben wir seine dritte Lebensphase gestaltet. Die flexible Raumaufteilung bleibt erhalten und wird durch neue Funktionen und Qualitäten ergänzt: Eine zweite, an der Außenseite des Hauses hängende Treppe ermöglicht neue Verbindungen und Abgrenzungen; dekonstruierte Nassbereiche für vielfältige Nutzszenarien und Bedingungen; der kranartige Anbau ragt in den Garten hinein und öffnet das Haus zu den Baumkronen hin. Das Haus kann als zwei Einheiten mit Gemeinschaftsräumen genutzt werden; als drei Einheiten oder, mit geringfügigen Anpassungen und Ergänzungen, als bis zu vier einzelne Einheiten. Die Idee eines Zuhauses als eine Reihe performativer Situationen statt als festgelegte Funktionsräume findet ihre Fortsetzung im radikalen Struktur- und Konstruktionsprinzip sowie im architektonischen Ausdruck. Jedem Objekt wird eine eigene Logik zugestanden, die seinen spezifischen Eigenschaften, Einschränkungen und seinem Kontext entspricht. Die monolithische Wand aus wärmedämmenden Ziegeln dient als feuerfeste Trennwand zum Nachbargrundstück und stützt das Haus seitlich ab. Die kranartige Konstruktion nutzt ihre Verbindung zum bestehenden Gebäude als Verankerung und leitet die im Anbau entstehenden Zugkräfte auf dessen Fundament ab. Die zusätzlichen horizontalen Träger sind für jede Etage spezifisch: ein Betonfundament im Untergeschoss, Holzbalken, die im Erdgeschoss die thermische Hülle durchbrechen können, einfache Metallträger im ersten Stock und eine statisch aktivierte Aufstockung unter dem Dach: Treppen, Küchen, Badewannen sind als Eingriffe auf oder im Haus platziert. Alles bleibt Objekt, autonom, aber in Beziehung zu den anderen Objekten. Die einzelnen räumlichen Akteure sind voneinander abhängig und unterstützen sich gegenseitig in ihrer Funktion, bleiben aber gleichzeitig losgelöst und trennbar.
Direktauftrag
Publiziert u.a. in Hochparterre "5/26"
Architektur: Stefan Wülser + Daria Ryffel + Emanuel Bosonnet
Bauingenieur: co_struct
Haustechnik: S3
Bauphysik: Raumanzug