92 Interview "Denken spart Ressourcen" in Hochparterre 12-2024 Publikation, Aktuell

Palle Petersen: Heute sprecht ihr über den Umbau als «Drei Projekte für ein Haus». Was ist damit gemeint?

Stefan Wülser: Schon bei den ersten Untersuchungen realisierten wir, dass es sich nicht um ein Haus handelte, sondern um mehrere zusammengewachsene. Wir stiessen auf fehlende Wände, durchgerostete Stützen, morsche Balken. Nach diesen Schockmomenten war klar: Bevor man planen kann, sind ein sorgfältiger Rückbau eine detaillierte Analyse des Bestands nötig. Nebst uns, der Denkmalpflege und der Bauforschung Mittelalter waren auch Bauphysiker, Massivbau- und Holzbauingenieure involviert. Dieser sozusagen transdisziplinäre Rückbau ist das ersten Projekt, die «Dissektion», mit eigener Rückbaugenehmigung und eigenem Budget. Danach folgte die «Reparatur». Weil die Nutzungsverteilung bis ins dritte Jahr offen blieb, betrachteten wir die erst spät definierten, möbelartigen Eingriffe als «Aneignung».

PP: «Dissektion» ist ein medizinischer Begriff und meint unter anderem das Entfernen von Weichteilen. Warum nennt ihr diese erste Phase nicht einfach Rückbau?

SW: Wie bei einer Operation ging es um das behutsame, schichtweise Abtragen, um sich an das Wesen des Problems heranzutasten. Es gab zwar grobe Abbruchpläne, und es war klar, dass wir die Gipsplatten und Raufasertapeten der Siebziger und Achtziger entfernen würden. Alles Weitere waren Regiearbeiten vor Ort: Da noch eine Schicht wegnehmen, dort aufhören. Wir wollten alles Nutzbare erhalten, keinen Rückbau auf Vorrat.

PP: Eine Suche sozusagen. Was habt ihr gefunden? Um im medizinischen Jargon zu bleiben: Eine sterbenskranke Patientin mit Metastasen?

SW: Zunächst haben wir nicht ein Haus gefunden, sondern einen Hauskomplex, bestehend aus zwei Häusern, etwa 700 und 350 Jahre alt, mit vier weiteren Räumen als «Schublade» in einem dritten Haus, einer mehrfach überbauten Gasse und Fragmente aus über 30 nachweisbaren Bauetappen. Einerseits handelte es sich um einen reichen Fundus aus der Baugeschichte, von regional typischen Ständerwänden bis zu höchst untypischen Holzbohlenwänden. Andererseits war der Zustand absolut kritisch. Die Räume zum See hin waren akut einsturzgefährdet, weil eine Brandwand ersatzlos entfernt und die gusseiserne Ladendecke durchgerostet waren. In den rückw.rtigen Räumen mit ungelüfteten Nassbereichen war das Holz morsch. Diverse Decken waren kollabiert und wiederholt nur mit Konterlatten geshiftet oder mit einem nächsten Bodenbelag überdeckt.

PP: Schlechten Nachrichten. Was folgte daraus für die Bauherrin und das Planungsteam?

SW: Erst einmal Krisenstimmung. Das Team musste sich neu konstituieren, die Bauherrschaft die Budgetierung neu aufgleisen. Zeitgleich packte uns der Ehrgeiz, dieses faszinierende Gebilde zu retten. Ausserdem war allen klar, dass man das Haus in diesem Zustand weder ohne Verlust verkaufen noch einfach neu verkleiden könnte. Über mehrere Monate hinweg entwickelten wir eine Art optimistischen Rationalismus. Wir einigten uns, dass der Charakter des Hauses in der Überformung vormals klarer Strukturen liegt, in seinen Brüchen und Spannungsmomenten. Und wir kamen zum Schluss, dass wir uns punktuell grössere räumliche Freiheiten nehmen müssen als im denkmalpflegerischen Umbau üblich, um insgesamt mehr Substanz erhalten zu können.

PP: Bei der nun folgenden «Reparatur», dem zweiten eurer drei Projekte, geht es vor allem um Funktionsfähigkeit hinsichtlich Energie, Haustechnik und Statik. Welche Eingriffe sind die wichtigsten?

SW: Zwei radikale Befreiungsschläge ermöglichten es, die Eingriffstiefe im Haus ansonsten tief zu halten. Zunächst wurde das Erdgeschoss ein eigener Brandabschnitt. Das erlaubte es, die darüber liegenden Geschosse hinsichtlich Normen als Einfamilienhaus zu betrachten. Um den barocken Innenausbau im Obergeschoss zu erhalten, ertüchtigten wir die Decke nach unten hin. Nun sitzt sie tiefer als die Fenster in der geschützten Fassade, und der Erdgeschossboden ist einen knappen Meter abgegraben. Der zweite Befreiungsschlag sind drei neue aussteifende Elemente, die den Bestand komplett von Horizontallasten befreien: Ein betonierter Vierendelträger im Erdgeschoss ersetzt die fehlende Brandwand. Zwei Holzrahmenwände mit stählernen Andreaskreuzen reichen über die ganze Gebäudehöhe.

PP: Warum habt ihr diese Wände aufgelöst? Als Strategie des Kontrasts?

SW: Der Kontrast ist das Resultat, nicht der Zweck. In der Denkweise suchten wir einen enorm pragmatischen, bewussten Einsatz konstruktiver Mittel, ganz wie im mittelalterlichen Bauen. Ästhetisch dasselbe in einer anderen Zeit zu tun, wäre uns fremd gewesen. Wir wollten nicht den Wiederaufbau von Nürnberg, sondern die Alte Pinakothek in München. Der zweite Grund ist das Licht. Mittelalterliche Bauten sind oft eng, damals gab es offene Feuer in dunklen Ecken. Durch leichte, stabartige Wände und das neue Atrium kommen wir dem heutigen Raumverständnis einen Schritt näher.

PP: Nebst grosser gibt es auch viele kleine Eingriffe. Hier ein neuer Balken, da ein beidseitig geschienter alter, dort ein neues Auflager in der Fachwerkwand oder ein Passstück unter der Stütze. Sind das situative Lösungen, sozusagen eine gepflegte Bricolage, oder gibt es auch übergeordnete Prinzipien?

SW: Eine Bricolage nach Levy Strauss’ wildem Denken, dass man an jedem Ort improvisiert? Eine Art situativer Opportunismus? Das ist es sicherlich nicht. Natürlich sind das alles Einzellösungen, aber fast manisch prinzipienhaft. Ohne diese Ordnung würde sich das Ganze im Chaos verlieren. Alles Neue ist kartesianisch vertikal oder horizontal, egal wie schräg der Bestand ist. Die Aufgaben der Teile sind materiell lesbar, zum Beispiel gibt es kein sichtbares Holz, das keine strukturelle Aufgabe übernimmt. In diesem Regelwerk löst sich der Unterschied zwischen Bestand und Neuem auf. Alte wie neue Holztäferwände sind in der gleichen Ölfarbe gestrichen. Die Fügungsprinzipien zwischen altem und neuem Balken sind gleich wie zwischen neu und neu. Kein Teil sollte eine angefressene Geometrien brauchen, um sich anzupassen. Falls das nötig wäre, rückt es ab. Im Kern geht es darum, neue Objekte ins Verhältnis zueinander und zum Bestand zu bringen. Vielleicht ist das eher eine Montage als eine Bricolage und eher Mies als Schwitters? Im Übrigen ist alles offen gezeigt, nicht nur die Leitungen. Wir zeigen die Stärke einer zwei Zentimeter dicken Brandschutzplatte genau so stolz wie die Zürcher Europaallee ihren 30 Zentimeter dicken Naturstein. Letztlich geht es dabei um die Suche nach einer passenden Ästhetik für die suffiziente und einfache Konstruktion, die unsere Zeit braucht. Es gibt gute Argumente, so zu denken. Dann sind die Teile zugänglich und demontierbar. Ausserdem fühlt sich ein aus Objekten gefügter Raum leichter an als ein Hohlraum in einer weissen Masse.

PP: Kommen wir zum dritten Projekt. Was macht das aus, was ihr «Aneignung» nennt?

SW: Die exakte Nutzungsverteilung blieb bis weit in die Ausführung offen. Wir wussten, dass das erste Geschoss von Gästen genutzt werden sollte, die beiden Geschosse darüber vom Paar selbst. Mehr nicht. Darum beschäftigten wir uns lange mit den Räumen und ihrer Struktur, die wir für eine Lebensdauer von hundert Jahren oder mehr ertüchtigten. Aneignung dagegen meint alle spezifischen Dinge für die Raumnutzung: Die Garderobenstange und die Lampe beim Entrée. Den Tisch am Treppengeländer, wo der Raum dank zweier Bretter in rotem Furniersperrholz zu mehr wird als ein Korridor. Und natürlich die Lavabos, die Badewanne, die Küche. Diese Dinge könnte man zwar auch Ausbau und Ausstattung nennen, aber die Räume, beispielsweise die Bodenbeläge, passen sich hier eben nicht an die Nutzung an. Das ist ein entscheidender Unterschied.

PP: Die Eingriffe sind farblich zurückhaltend – weisser Gips, graue Ölfarbe, schwarze Terrazzofliesen, verzinktes Metall, unbehandeltes Holz. Aber sie sind geometrisch eigenwillig. Warum decken sich die Bodenbeläge nicht mit den Raumgrenzen? Und warum steht die Küche schräg im Raum?

SW: Bei den Bodenbelägen ging es uns um die Auflösung der kleinteiligen Kammerstruktur. Darum fliessen die Terrazzofliesen beispielsweise im Entrée die Stufe hinunter oder im Geschoss darüber aus dem Bad hinaus. Es sind räumliche Entscheidungen, die sich keinen Funktionsbereichen unterordnen. Hinter der in den Raum gedrehten Küche verbirgt sich eine das Haus prägende Geschichte: Der Dachstuhl wurde im Laufe der Jahrhunderte zwei Mal gedreht, einmal von der Gasse um See, dann wieder zurück. Heute verläuft die Traufe diagonal zur Ordnung des Hauses, und diese irre Schräge hat zu gebrochenen Balken und kaputten Decken geführt. Aus diesem harten Teil der Geschichte wollten wir eine räumliche Abfolge gestalten, die vom Oblicht im Dachstock über die Küche bis zu den abgeschrägten letzten Treppenstufen reicht. Wie im Film kündigen sich hier früh Dinge an, die später wichtig werden. Es geht um Spannung. Und ja, bei der Aneignung auch um Spass.

PP: Versuchen wir es mit einem Fazit: Das Projekt ist enorm komplex und spezifisch, klein und aufwändig. Was lässt sich davon für andere Umbauten lernen?

SW: Die Dissektion lässt sich sicherlich komprimieren. Aber das Verstehen jeden Bestandes ist in einer Zeit, in der wir mehr reparieren sollten, eine zentrale Arbeit. Geschieht diese früh genug, beeinflusst sie das Raumprogramm, und man nutzt die Kraft des Hauses und kommt direkter ans Ziel. Geschieht sie zu spät, arbeitet man dagegen und muss sich verrenken. Und nicht zuletzt ist die Trennung von Struktur, Raumqualitäten und Ausbau zukunftsfähig, eigentlich unverzichtbar für langlebige und flexible Häuser.

PP: Was habt ihr als Büro an diesen drei Projekten gelernt?

SW: Dass man es aushalten kann und muss, nicht alles zu kontrollieren. Uns interessierte mehr die Gestaltung des Prozesses als das Resultat. Dabei braucht es Zuversicht, dass letzteres aus ersterem folgt. Ausserdem haben wir uns komplett vom linearen Prozess verabschiedet, den unser Normenwerk vorgibt, vom Massstab 1:500 bis zum 1:10. Wir haben schon zu Beginn und zeitgleich am Konzept und im 1:1 gearbeitet, von beiden Extremen ausgehend. Das ist enorm produktiv. Und ganz wichtig: Denken spart Ressourcen.

PP: Ein guter Punkt: Komplexe Umbauten stecken voller Überraschungen und sind schwer planbar. Grundsätzlich investiert man viel Zeit für verhältnismässig wenig Baumaterial. Ein Verlustgeschäft angesichts eines Honorars, das im Kern an den Ressourcenverbrauch gebunden ist?

SW: Tatsächlich steckt im alten SIA-Modell ein absoluter Fehlanreiz. Überspitzt könnte man sagen: Schnelle Details mit teuren Materialien ineffizient eingesetzt zu verbauen, das lohnt sich als Architekturbüro. Sich mit der präzisen Fügung von Industrieholz und Brandschutzplatten Gedanken zu machen, über das Weglassen von Schichten und sorgfältig geführte Leitungen, das lohnt sich nicht. Wir haben darüber mit der Bauherrschaft gesprochen und ausgehend von mehreren Kostenschätzungen ein Pauschalhonorar vereinbart. So hatten wir einen Anreiz, effizient zu planen und für die Bauherrschaft Ressourcen und Geld zu sparen, ohne dabei selbst ökonomisch zu verlieren. Der Planungsaufwand war, verglichen mit ähnlich komplexen Umbauten eher hoch. Dafür konnten wir die Baukosten um ein Vielfaches des benötigten Honorars senken. Ich sage nicht, dass wir hier die finale Lösung gefunden haben. Aber mich beschäftigt die Frage, wie wir als Architekten den Mehrwert, den wir schaffen, benennen und in unseren Honoraren bemessen sollen. Baukosten und Quadratmeterzahlen als Gradmesser für unsere Leistung sind definitiv aus der Zeit gefallen.

"Denken spart Ressourcen" in Hochparterre 12-2024 Konfrontiert mit einem mittelalterlichen Hauskomplex in Zug gestalteten Stefan Wülser + einen klugen Prozess. Für das Resultat bekommen sie den Hasen in Silber.

Interview: Palle Pederson
Bilder: Stefan Wülser +

 
(schliessen)
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