95 Interview "Nicht hinter jeder Hecke" in Werk 4-2025 Publikation, Aktuell

Werk, Bauen + Wohnen: Angelus Eisinger, als Direktor des Planungsdachverbands der Region Zürich und Umgebung (RZU) haben Sie das Projekt «Zukunft Einfamilienhaus» mit angestossen. Wo stehen wir in der Debatte?

Angelus Eisinger: Wir sollten uns nicht täuschen, dass es eine breite Debatte gäbe. Vielmehr findet sich in der fachlichen und politischen Debatte eine diskursive Vorformung, die dem Thema Einfamilienhaus überaus skeptisch gegenübersteht. Dies versucht das Projekt, das EBP und wir durchgeführt haben, zu ändern. Aber zu behaupten, wir hätten mit der Auseinandersetzung eine breite Resonanz gefunden, wäre übertrieben. Vielmehr zeigt sich, welche fundamentalen Vorbehalte das Thema nach wie vor begleitet.

WBW: Was setzen Sie diesen Vorbehalten entgegen?

AE: Wir möchten einen Perspektivwechsel erwirken. Der beginnt damit, dass aus planerischer Perspektive das Einfamilienhaus nicht weiter ignoriert werden kann. Fast die Hälfte der Gebäude in der Schweiz sind Einfamilienhäuser. Nur schon deshalb können wir es uns nicht leisten, diese Gebäudemasse aussen vor zu lassen. Das macht für mich auch die Aktualität des Themas aus: Am Einfamilienhaus zeigt sich die Frage der Weiterentwicklung des Bestands in paradigmatischer Weise. Die eigentliche Knacknuss dabei sind die Einfamilienhausquartiere.

WBW: Kommt das bei den Städten und Gemeinden an?

AE: Es braucht mehr Sensibilisierung, schliesslich geht es für die Gemeinden um die Transformation eines grossen Teils ihrer Gebäudebestände. Und der kommt an das Ende eines Lebenszyklus. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sind über 65 Jahre alt und fragen sich: Was machen wir mit unserem Haus? Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Es ist wichtig, klar zu machen, welch hohe Relevanz diese Frage hat. Dabei brauchen die Gemeinden oft Hilfe.

WBW: Wie könnte eine solche Hilfe aussehen?

AE: In Zusammenarbeit mit dem Verein Metropolitankonferenz Zürich und verschiedenen Gemeinden hat das Projektteam von EBP und RZU niederschwellige Angebote erprobt. Da geht es um Infoveranstaltungen, Spaziergänge oder Wohncafés, in Nachbarschaftsgruppen miteinander diskutiert. Diese Formate richten sich an die Eigentümerschaften, denn am Ende sind sie die entscheidenden Akteure und Akteurinnen. Die zentrale planerische Frage ist: Wie entsteht ein Einklang zwischen den Entscheiden, die die Eigentümerschaft für die eigene Zukunft richtig findet, und dem, was aus Sicht der Gemeindeentwicklung wünschenswert ist.

WBW: Stefan Wülser, als Architekt haben Sie mehrere Einfamilienhäuser umgebaut. Spüren sie eine neue Bereitschaft bei den Hausbesitzenden?

Stefan Wülser: Ich glaube, da sind wir einen Schritt weiter als vor fünf Jahren. Bei uns landet jedoch auch nur ein sehr spezifischer Teil von dem, was gebaut wird. Diejenigen die den Weg zu uns finden, wollen sich diese Fragen stellen. Meist entstehen die Projekte im Moment der Generationenübergabe. Bei den Jungen schwankt dann das Gefühl zwischen der Freude an der Opportunität – ein eigenes Haus gilt ja immer noch als Luxusgut – und der plötzlichen Auseinandersetzung, wie man als Familie funktionieren und wie man heute leben möchte. Denn eigentlich wollte man es ja anders machen als die Eltern. Und die grossen Fragen werden aktuell nicht weniger.

WBW: Gelingt das der jüngeren Generation?

SW: Teilweise. Es bleibt sicher die Ausnahme, dass jemand im Bewusstsein zu uns kommt, dass ein Haus auch eine gesellschaftliche Verantwortung bringt, der man sich stellen muss. Aktuell machen wir spannende Erfahrungen mit einem Projekt in Winterthur. Das ehemalige Arbeiterhaus mit drei Geschosswohnungen wurde die letzten sechzig Jahre als übergrosses Einfamilienhaus mit acht Zimmern genutzt. Die neue Besitzerschaft ist aus einer Genossenschaftswohnung in das Haus gezogen und möchte den Raum effizienter und nachhaltiger nutzen. In intensiven Gesprächen haben wir einen Entwurf entwickelt, in dem zwei Familien das Haus zusammen bewohnen und sich das mittlere Geschoss als Raum fürs Arbeiten, Partys und Gäste teilen. Noch in diesem Jahr beginnen wir umzubauen, nach einem langen Weg, auf dem individuelle Bedürfnisse mit gesellschaftlichen Überzeugungen abgeglichen wurden.

WBW: Was sind da die grossen Hindernisse?

AE: Theoretisch hätten viele der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer die Ressourcen, ihr Haus zu transformieren. Es besteht aber eine grosse Furcht davor, sich auf dieses Neue einzulassen. Da geht es vor allem auch um psychische und emotionale Reflexe: Kann man sich nach vierzig Jahren im eignen Haus eine andere Familie im geteilten Garten vorstellen? An derartigen Fragen entscheidet sich vieles. Deshalb ist im Projekt der Slogan entstanden: Das Einfamilienhaus muss vom Lebenstraum zur Lebensphase werden. Es geht darum, eine gesellschaftliche Norm oder einen weit geteilten Wunsch auf den Prüfstand zu stellen und stattdessen zu überlegen, was man in welcher Phase braucht. Und wie gelingt es, diese Übergänge zu gestalten.

WBW: Die Zeit drängt, denn in den kommenden Jahren steht bei sehr vielen Häusern dieser Umbruch an.

AE: Ein Grundproblem ist, dass wir uns zwar fachlich einig sind, aber es nicht gelingt, dies in die konkrete Projektierung, vor allem von ganzen Gebieten, einzubringen. In Einzelfällen mag das klappen, wie es Stefan Wülser angedeutet hat. Aber das sind nicht Einzelfälle, weil die Häuser Einzelfälle sind, sondern weil die Figuren Einzelfälle sind, die solche Entscheide treffen.

SW: Genau das ist der Widerspruch. Die Häuser sind im Wesentlichen gleich aber die individuelle und gesetzliche Ausgangslage ist immer verschieden.

WBW: Das macht es für raumplanerische Ansätze schwierig. Müssen Impulse eher aus dem architektonischen Massstab kommen?

SW: Es gibt noch eine dritte Kraft. Neben Fachdiskurs und Eigentümerschaft sind es die Gemeinden, die mit ihrem Baureglement die Weichen stellen, wie offen oder determiniert der Handlungsspielraum ist. Wir erleben mehrfach, dass in den aktuellen Revisionen der Bau- und Zonenordnungen, trotz guten Absichten, überholte Lebensvorstellungen in neue Gesetze zementiert werden. Das ist problematisch, weil wir jetzt Dinge ausschliessen, wofür man in den kommenden 10 Jahren durchaus Allianzen hätte.

WBW: Woran lässt sich das konkret festmachen?

SW: Nach wie vor müssen wir mit Parzellen arbeiten, die dereinst als gesetzliche Antwort, auf die breite Nachfrage nach Standardhäuser entstanden sind. Auf diesen Grundstücken ist es mit den heutigen Baureglementarien und ihren inhärenten Strukturen schwer, Alternativen zu entwickeln. Parzellenübergreifendes Denken könnte ein Ausweg sein. Was ist überhaupt möglich? Und wo sind die prozessualen Hürden. Da müssen sehr viele Leute gleichzeitig das Gleiche wollen, damit sich überhaupt etwas bewegt.

AE: Solche Projekterfahrungen sind enorm wichtig für die Ausbildung von Planungsprozessen. Auf der raumplanerischen Ebene bedeutet das für mich, dass die Städte und Gemeinden – und da geht es um Quartiere, nicht um einzelne Objekte – durch Testplanungen Ideen entwickeln müssen. Mit Testplanung meine ich aber nicht 20 Expertinnen und Spezialisten. Diese Prozesse müssen in hohem Masse partizipativ gestaltet werden. Den Einfamilienhausbestand werden wir nur transformieren können, wenn wir Verfahren gestalten, die alle Beteiligten zusammenbringen.

WBW: Wieso passiert das aktuell zu wenig?

AE: Mir scheint, das passiert momentan vor allem dort, wo das Thema des ISOS ins Spiel kommt. Dort, auf der Ebene des Quartier- oder Ortsbildes, gelingt es, auf übergeordneter Ebene zu reflektieren. Aber sonst sind diese Verfahren ein Feld, das es dringend zu entwickeln gilt. In städtischen Quartieren mag es klare Vorstellungen geben, wie sich ein Objekt in einen grösseren Kontext einordnen soll. Aber sobald es um ganze Einfamilienhausgebiete geht, fehlen die Verfahren. Ein gutes Beispiel für solche parzellenübergreifenden Prozesse ist die Transformation der Genossenschaftssiedlung auf dem Areal Altwiesen in Zürich-Schwamendingen. Auch wenn es da um einen ganz anderen Massstab geht, verfügten dort 15 verschiedene Grundeigentümerschaften plötzlich über 155 statt vorher 60 Prozent Ausnützung. Das Büro Planwerkstadt hat elf Jahre lang verhandelt und eine Horizontlinie definiert, auf die sich alle einigen konnten. Das war ein enorm aufwendiger Prozess, aber alle Eigentümerinnen und Eigentümer – auch die, die zunächst skeptisch waren – sind am Ende aufgesprungen.

WBW: Es braucht also viel Zeit und Geduld?

AE: Ja, und ohne einen früh erarbeiteten Konsens wird es nicht gehen. Normalerweise macht man ja erst den Wettbewerb und setzt danach um. Und dann hakts. An der Altwiesenstrasse hat man das Verfahren gleichsam auf den Kopf gestellt. Erst die Gespräche und dann das Projekt. Besonders bei privaten Eigentümerschaften von Einfamilienhäusern ist das Aktivieren von Wissen essenziell, um gemeinsame Ziele zu formulieren, für die die Planenden dann Lösungen finden.

SW: Die Bereitschaft für solche Prozesse ist heute da, sobald wir über konkrete Vorteile sprechen. Über den Dialog finden sich schnell Anknüpfungspunkte für Nachbarschaften, bei denen alle gewinnen und niemand verliert – ein optimistischer Rationalismus. Was spricht gegen eine Spezialisierung von Einfamilienhäusern? Vielleicht können die Menschen eines Quartiers vor dem einen Haus parkieren und in einem anderen gemeinsam waschen. Nicht hinter jeder Hecke muss die ganze Welt simuliert werden. Wenn man sich davon löst, wird schnell klar, dass das für alle ein Vorteil sein kann. Aber man muss das moderieren.

WBW: Das setzt eine neue Flexibilität bei Eigentümerinnen und Eigentümern voraus. Wie etabliert man diese in der Breite?

SW: Das ist zumindest etwas, was mich hoffnungsvoll stimmt in der neuen Umbaukultur. Man überführt nicht mehr einen festen Istzustand in den nächsten. Es gibt unterdessen ein Bewusstsein, dass man selbst in 15 Jahren jemand anderes ist und in 30 Jahren sowieso nicht mehr in diesem Haus wohnen wird. Ich glaube wir sind an einem Punkt, an dem Menschen, die mit uns ein Projekt entwickeln, mit vielen Themen übereinstimmen. Sie erkennen, dass gewisse räumliche Strukturen nicht permanent sind und dass Adaptierbarkeit ein gutes Investment ist. Das geht soweit, dass man Häuser nach Innen und Aussen öffnet. In einem Projekt in Richterswil entstanden – quasi parallel zur technischen Ertüchtigung eines Hauses – grosszügige Räume, die von der Familie funktional nicht mehr definiert werden. Sie dienen wechselweise als Wohn-, Spiel oder Arbeitsraum und können jederzeit neu gelesen werden.

WBW: Ersetzen neue Ansprüche die alten Gewohnheiten im Einfamilienhaus?

SW: Es ist eben beides. Man ist offen für Veränderungen und gleichzeitig bleiben die Vorstellung eines spezifischen Wohnkomforts. Selbstbestimmung, räumliche Flexibilität und ausdifferenzierte Schwellenräume sind solche Qualitäten, die uns vielerorts begegnen. Aber für die braucht man ja nicht zwingend das Einfamilienhaus? Da müssen wir uns als Branche auch an die Nase fassen: Haben wir es verpasst, alternative Modelle zu schaffen, die die gleichen Vorzüge in suffizienteren Strukturen anbieten können?

AE: Ganz klar. Im Rahmen des Projekts Wohnregion 2030 führten wir Stakeholderhearings durch, darunter auch HR-Abteilungen grosser Firmen. Die formulieren klar: Wenn die Städte als Standort konkurrenzfähig bleiben sollen, braucht es Angebote, die mit den Vorzügen des Einfamilienhauses mithalten können. Der frisch berufene BioTech-Professor von der amerikanischen Ostküste, beispielsweise, der ein grosses Haus mit zwei Autos davor gewohnt ist, möchte nicht in eine Geschosswohnung im Stadtzentrum ziehen. Es ist wichtig, dass Alternativen zum EInfamilienhaus entstehen, die es auch solchen Akteuren ermöglicht, auf das Einfamilienhaus zu verzichten.

SW: In Tagelswangen versuchen wir gerade, die Vorzüge des Einfamilienhauses auf ein Mehrfamilienhaus zu übertragen. Da sind wir erstmals an einen Punkt, an dem wir die gewünschte Flexibilität, Optionen für wechselnde Lebensphasen und verschiedene Aussen- und Schwellenräume in einer kompakten Alternative bieten, die auch noch wirtschaftlich in die Restriktionen der suburbanen Wohngebiete passt. Ich bin überzeugt, das Projekt wären ein anderes geworden, hätten wir uns nicht vorher an den vielen Umbauten von Einfamilienhäusern abgearbeitet.

WBW: Wie beeinflussen sich die Massstäbe?

SW: In einem gewissen Rahmen kann man im Einfamilienhaus Dinge wagen, die Graubereich nutzen oder im Moment vielleicht noch illegal sind. Eine Art vorgezogene «Gebäudekategorie E». Es ist der Ort, wo alle Beteiligten auch mal wegschauen können, wenn gewisse Regeln freier interpretiert werden. Es ist spannend, was passiert, wenn die Akustik einmal zur Nebensache werden darf oder die klimatischen Anforderungen nur einen Teil des Hauses betreffen. Wie funktioniert ein Wohngeschoss, wenn nur die Mitte technische Installationen aufweist? Müssen wirklich alle Zimmer 12 oder 14 Quadratmeter aufweisen? Das können starke Entwurfstreiber sein, die aber mangels Präzedenzfällen, noch sehr gute Nerven von allen Beteiligten kosten, wenn man sie in einem Projekt mit zwanzig Wohnungen anwenden will.

WBW: Das Einfamilienhaus ist das Labor für grössere Bauaufgaben?

SW: Genau, obwohl es schon paradox ist, dass das bürgerliche Einfamilienhaus heute zum "piece de résistance" wird, an dem man die Zukunft ausprobieren kann.

"Nicht hinter jeder Hecke muss die ganze Welt simuliert werden" in Werk 4-2025 Einfamilienhäuser bilden die Hälfte des Gebäudebestands der Schweiz. Viele dieser Bauten erreichen nun das Ende eines Lebenszyklus – der passende Moment, Wohnform und Typologie zu reflektieren und deren Weiterentwicklung zu diskutieren.

Luzia Gratz + Christoph Ramisch im Gespräch mit Stefan Wülser + Angelus Eisinger
Bilder: Stefan Wülser +

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