Stefan Wülsers Architektur könnte man als «flach» bezeichnen. Und zwar nicht im Sinne der Abwesenheit eines Reliefs, sondern ontologisch: Im Sinne dessen, was die Elemente der Entwürfe und Bauten darstellen und vor allem im Sinne dessen, was sie sind: nämlich sich selbst – Elemente, Objekte mit Eigenwert –, und damit alle gleich wichtig, gleichwertig. Eine solche Zuschreibung bedarf wohl einer Erklärung. Die Architektur beginnt mit dem Entwurfsprozess und nicht bei den Dingen, die zum Schluss in die Welt gesetzt sind. Manchmal dauert es, bis überhaupt eine Skizze oder ein Konzept sichtbar werden. Dass dabei mehr in Gedanken als in Zeichnungen oder Baustoffe investiert wird, heisst nicht, dass das dem Materiellen geringe Bedeutung beigemessen würde; es ist vielmehr so, dass alle Aspekte einer Aufgabe, alle Gegebenheiten und Ressourcen durch diesen Prozess des Sichtens und Erwägens gleichermassen Aufmerksamkeit und Bedeutung erhalten. Das impliziert auch, dass die Widersprüche der Welt, in der entworfen wird, erst einmal nicht ausgeräumt sind und in der Schwebe bleiben. Mit der Zeit, manchmal schneller, manchmal langsamer, kristallisieren aus dieser Assemblage «Lösungsinseln»; Ansätze, wie das eine oder andere Problem angegangen werden kann.
Der eigentliche Entwurf ereignet sich dann in und zwischen den Dingen. Auch das muss wohl erläutert werden. Weil die Widersprüche der Welt bei uns Menschen nach «Inseln» der Ordnung rufen, entstehen bei Wülser mit voranschreitender Arbeit Objekte, die sowohl auf die Problemstellung referenziert sind, als auch mit den Mitteln der Architektur (Farbe, Material, Assemblage) stark auf sich selbst verweisen, Eigenwert erhalten. Vieles erinnert an Entwürfe der russischen Avantgarde in den 1920er Jahren: Konstruktion, Proun, Architekton… Vieles ist aus Objekten zu Objekten montiert, zeitlich zusammengeführt, kollidiert, wieder auflösbar. Zwischen den Dingen «passiert etwas». Aber es wäre falsch, hier von Collage zu reden. Die Dinge sind vermittelt, sie beeinflussen einander, verändern sich gegenseitig – um zu Assoziationen zu werden, zu neuen Ganzheiten (die wiederum Teile von Ganzheiten sind). So schaffen sie Räumlichkeit, oder etwas genauer: Materiewolken, habitable Räume, Zonen. Am deutlichsten wird das Ereignis der Konstruktion in den axonometrischen Zeichnungen: Vorhandenes, Hinzugefügtes, Mineralisches, Technisches und Pflanzliches überlappt sich, überschiebt sich, ist gespreizt, verschachtelt, verschattet und wird verschattet – dreidimensional, reliefiert, flach.
Tibor Joanelly, "Ereignis der Konstruktion"
Die Anthologie-Reihe wird seit 2004 von Heinz Wirz im Quart Verlag als kuratierte Auswahl von jungen Schweizer Architekturbüros herausgegeben.
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Texte: Stefan Wülser + Tibor Joanelly + Christoph Ramsch
Übersetzungen: Nicholas Elliott
Gestaltung: Stefan Wülser + Quart Verlag